Firmen mahnen Kurswechsel in der Tarifpolitik an

Erstellt am: 22.01.2020

Unternehmensvertreter der Metall- und Elektroindustrie in der Region Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen haben sich für einen Kurswechsel in der Tarifpolitik ausgesprochen.

„Jahrelang ging es in unserer Industrie und auch für die Beschäftigten fast stets nach oben. Jetzt stehen wir alle vor großen strukturellen und konjunkturellen Herausforderungen“, sagte Kruse, Vorsitzender der Bezirksgruppe Ludwigsburg des Metallarbeitgeberverbandes SÜDWESTMETALL. „Wir können auch diese Herausforderungen meistern und unsere gemeinsame Zukunft weiterhin positiv gestalten – aber nur, wenn alle Beteiligten gemeinsam an einem Strang und am selben Ende ziehen.“

So stünden die Unternehmen vor einer Vielzahl an Herausforderungen, wie die Umstellung der Produktion und Logistik, beispielsweise durch den Einsatz digital vernetzter Maschinen und der Produkte, um besser auf die steigenden Kundenanforderungen an Qualität und Terminvorgaben reagieren zu können, zunehmenden Anforderungen des Klimaschutzes, beispielsweise in der Automobilindustrie durch neue klimaverbessernder Antriebstechniken und durch die Transformation der Automobilindustrie, unter anderem durch intelligente Fahrassistenzsysteme.

Hinzu kämen eine konjunkturelle Schwäche und globale wirtschaftliche Risikofaktoren. Seit Anfang 2019 liege etwa das Produktionsvolumen in der M+E-Industrie unter dem Vorjahresniveau. Dagegen würden aber die Kosten für Material und Löhne immer weiter steigen. „Gerade uns mittelständischen Unternehmen mit hohem Lohnkostenanteil die im internationalen Wettbewerb stehen, trifft das besonders stark“ erklärte Klaus Gehrig, Fa. Ziemann Holvrieka, der ein 440 Mann-Unternehmen mit Sitz in Ludwigsburg als Geschäftsführer leitet. Dabei habe die Konkurrenz im Ausland deutlich aufgeholt. Bei gleicher Qualität entscheide sich dann der Kunde häufig für das Produkt mit dem günstigeren Preis.

Insbesondere sei absehbar, dass die strukturellen Veränderungen auch in Zukunft enorme Investitionen erforderlich machten.

Sylvia Rall, geschäftsführende Gesellschafterin der Firma Hainbuch in Marbach mit ca. 550 Mitarbeiter, bestätigte dies: „Wir spüren einen steigenden Konkurrenzdruck. Wir haben in den letzten Jahren viel Geld in die Digitalisierung unserer bereits vorhandenen Maschinen und Anlagen investiert oder neue Maschinen angeschafft, um konkurrenzfähig zu bleiben“.

Kruse ergänzte, dass auch die Kosten für Aus- und Weiterbildung zu berücksichtigen seien. Auch die zunehmende Zahl von Renteneintritten mache es schwer, genügend qualifizierte Mitarbeiter zu haben. „Wir investieren in die betriebliche Aus- und Weiterbildung, um den Fachkräftemangel in unserem Betrieb zu mindern.“ Sata habe 22 Ausbildungsplätze bei 288 Beschäftigten. „Es gelingt uns aber nur bedingt, ausscheidende Fachkräfte zu ersetzten, und das liegt in der M+E Industrie nun mal sicher nicht an einem zu niedrigen Entgelt! “

„Auf die Kostenproblematik und den hohen Investitionsbedarf muss die anstehende Tarifrunde Rücksicht nehmen. Dabei ist klar, dass die Unternehmen jeden Euro erst verdienen müssen und nur einmal ausgeben können. Erforderlich ist also genügend Spielraum für Investitionen in die Zukunft und zur Sicherung der Arbeitsplätze.“ fasste Kruse zusammen.

Dies sei vor allem für die große Zahl der Unternehmen wichtig, die keineswegs so glänzend verdienten, wie vielfach behauptet werde. „Selbst in erfolgreichen Jahren schreibt gut ein Fünftel unserer Unternehmen nur eine ‚schwarze Null‘ oder sogar rote Zahlen. Im bereits schwierigen Jahr 2019 lag deren Anteil sogar bei mehr als einem Viertel“, erklärte Kruse.

Um die Zukunft erfolgreich gestalten zu können, müssten nun alle Beteiligten einen Beitrag leisten, also sowohl Arbeitgeber und Beschäftigte in den Betrieben, als auch IG Metall und Südwestmetall auf der Ebene der Tarif- und Sozialpartner. Hierzu erklärte Kruse „Insbesondere appellieren wir an die IG Metall, dem auch in der anstehenden Forderungsdiskussion zur Tarifrunde ausreichend Rechnung zu tragen – und nicht mit einer überzogenen Forderung kaum erfüllbare Erwartungen bei den Beschäftigten zu schüren.“

Gerade eine kluge und vertrauensvolle Sozialpartnerschaft in der großen Krise 2008/2009 habe zur positiven Entwicklung der M+E-Industrie beigetragen. „Auch die schwere Krise 2008/09 haben wir gemeinsam gemeistert.“ Seitdem wurden allein in der baden-württembergischen M+E-Industrie 170.000 zusätzliche Jobs geschaffen, jährlich zahlten die Betriebe rund 60 Milliarden Euro an Löhnen und Gehältern aus – zirka 50 Prozent mehr als 2010. „Wir haben einiges erreicht – und viel zu verlieren.“ betonte Kruse. Daher müsse der Fokus jetzt darauf liegen, das Erreichte so gut es geht abzusichern, damit unsere Industrie keinen Schaden erleide.

Die Ludwigsburger Kreiszeitung hat hierzu am 15.01.2020 einen Artikel unter dem Titel "Appell an die Sozialpartnerschaft" veröffentlicht. Ein weiterer Artikel ist in der Bietigheimer Zeitung in der Ausgabe vom 18.01.2020 mit der Überschrift "Südwestmetall ruft zur Mäßigung auf" erschienen.

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